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Spielregeln des Familiensystems

Wir lernen schon als Kinder:

Um bei einem Spiel mitmachen und "gewinnen" zu können, ist es wichtig, die Spielregeln zu beherrschen! Jeder übernimmt seine Spielfigur in dem Spiel und bleibt für diese allein verantwortlich. Werden die Regeln nicht eingehalten, gibt es Konflikte und Stress.

 

"Spielregeln" sind in jedem sozialen Gefüge notwendig, um die Ordnung aufrecht zu erhalten.

In einer Gesellschaft gibt es viele verschiedene soziale Systeme:

An unserem Arbeitsplatz gehören wir dem System des Unternehmens an. Unsere Schulkinder gehören dem Schulsystem an. In einem Verein entscheiden wir uns für ein System, das Menschen mit einem gemeinsamen Hobby verbindet usw.

 

Es werden Ämter und Positionen ausgeschrieben und besetzt, damit jedes Mitglied in der Struktur weiß, was seine Aufgabe und seine Verantwortung in diesem Gefüge ist. Meistens haben ältere Mitglieder, die dem System schon länger angehören, Positionen mit mehr Verantwortung und Jüngere nehmen und lernen von den Älteren.

 

Auch jede Familie ist ein soziales System und unterliegt einer solchen Ordnung und Struktur. Allerdings gibt es hier einen wichtigen Unterschied zu anderen Systemen:

Wir können uns die Zugehörigkeit zu unserem Familiensystem nicht aussuchen. Wir haben nicht die freie Wahl hinzuzukommen oder auszuscheiden. Mit der Geburt treten wir in dieses System ein, gekündigt werden kann niemand.

 

Unseren ersten Platz, den wir im Familiensystem einnehmen, ist der des Kindes unserer Eltern. In dieser Rolle werden wir immer bleiben, auch wenn wir das Elternhaus verlassen. Wenn wir selbst Kinder kriegen, kommt die Rolle der Eltern hinzu.

 

Die Eltern, als die Erwachsenen, nehmen die Rolle der "Großen" ein, die Kinder die Rolle der "Kleinen". Zumindest sollte das so sein.

 

Dabei meint "Groß-Sein" nicht "besser sein". "Groß" beschreibt hier im Grunde eine Haltung, eine bestimmte Denkweise oder ein bestimmtes Gefühl: mit sich im Reinen zu sein und ruhig und mit Liebe und Verständnis auf die Situation seines Kindes schauen zu können.

 

Aber mal ehrlich:

Sind wir wirklich immer mit uns im Reinen? Können wir in jeder Situation ruhig und verständnisvoll bleiben?

Tatsächlich bringen uns unsere Kinder regelmäßig aus der Fassung, aus unserem Konzept. Wir wünschen uns dann häufig von unseren Kindern, dass sie selbständig Rücksicht nehmen auf uns und unsere Bedürfnisse, oder dass sie Verständnis zeigen für unsere Wut, die ihr Verhalten manchmal in uns hervorruft.

 

Was hier passiert ist durchaus menschlich, aber im Sinne der Spielregeln des Familiensystems komplett verdreht. In dem Moment, in dem wir von unseren Kindern Verständnis für uns und unser Verhalten erwarten, haben wir die Rollen getauscht:

Wir sind die Kleinen!

 

Wir rechtfertigen unser Gefühl der Wut, des Ärgers, der Enttäuschung oder was auch immer an Gefühl auftaucht häufig damit, dass unser Kind sich falsch verhalten hat. Wir geben dem Kind innerlich die Schuld an unserem Gefühl und damit auch an unserer Reaktion darauf.

Wenn unsere Kinder gar Gefühle der Ohnmacht in uns provozieren neigen wir schlimmstenfalls zu seelischer oder gar körperlicher Gewalt dem Kind gegenüber.

 

Und hier kommt die gute Nachricht:

Unser Kind ist in Wirklichkeit niemals verantwortlich für unser Gefühl. Im Grunde weist uns unser Kind mit seinem Verhalten auf ein Gefühl hin, das schon lange in unserem Innersten steckt und nach Aufmerksamkeit schreit.

Unsere Kinder sind unsere größten Helfer zu reifen und wirklich "Erwachsen" und "Groß" zu werden und endlich mit uns ins Reine zu kommen.

 

Und wenn wir erkennen und akzeptieren, dass wir alleine verantwortlich sind für unsere Gefühle und unser Handeln, dann und nur dann sind wir auch in der Lage daran etwas zu ändern.

Durch die Übernahme der Verantwortung für uns selbst, kommen wir aus der Ohnmacht in die Macht. Wir können endlich am Spiel des Lebens mit Freude "mitspielen und gewinnen".

 

Das klingt in der Theorie vielleicht alles ganz einfach, leider haben wir aber nicht gelernt, Verantwortung für unser "Spiel" zu übernehmen, denn die wenigsten von uns hatten Eltern, die uns das vorbildlich hätten beibringen können. Oft wurde in unserer Herkunftsfamilie schon mithilfe von -meist unbewussten- Schuldzuweisungen erzieherisch "gearbeitet". Die "Spielregeln" wurden nicht eingehalten.

 

Glücklicherweise ist es aber nie zu spät dafür, der oder die"Große" zu werden. Und glücklicherweise gibt es heute ganz viele Möglichkeiten und Werkzeuge, die uns dabei unterstützen können.

 

 

Familienaufstellungen:

 

Mit Hilfe einer Familienaufstellung können wir die Dynamik sichtbar machen, die in einer Familie herrscht. Wir können erkennen, wer welche Rolle spielt, wer nicht an seinem Platz steht und wer fremde Aufgaben und Verantwortlichkeiten übernommen hat. Wir machen sichtbar, wo die Spielregeln nicht eingehalten werden.

 

Wann und warum haben wir vielleicht mit unseren Eltern schon die Rollen getauscht?

Wo haben unsere Eltern uns überfordert? Wo wurde uns etwas abverlangt, was wir als Kinder nicht leisten konnten? Wo haben wir Verantwortung und Aufgaben für unsere Eltern übernommen, weil sie nicht wirklich "Große" waren?

 

Diese unbewussten Platz-bzw. Rollenwechsel in einem Familiensystem nennt man auch Verstrickungen. Verstrickungen rauben Kindern unglaublich viel Energie, die ihnen für ihr eigenes Leben fehlt.

Leider verbleiben wir auch als Erwachsene oft noch in den Verstrickungen aus unserer Kindheit gefangen. Kommen dann unsere eigenen Kinder dazu, gelangen wir mit unserer Energie an unsere Grenzen. Denn nun tragen wir nicht nur -unbewusst- die Verantwortung für unsere Eltern bzw. deren Aufgaben, sondern auch noch für unsere Kinder.

 

 

Fühlen wir uns ständig überfordert in unserer Elternrolle ist es hilfreich sich einmal folgende Fragen zu stellen:

Wem versuchen wir es immer noch recht zu machen?

Versuchen wir einen perfekten Haushalt zu führen, weil unsere Mutter das immer von uns oder auch von sich selbst verlangt hat?

Stehen wir vielleicht für die Bedürfnisse und Angelegenheiten unserer Eltern jederzeit abrufbereit zur Verfügung, damit wir ihnen keine Enttäuschung oder gar ärgerliche Gefühle bereiten?

Spielen wir im Streit zwischen unseren Eltern immer wieder die Vermittlerrolle? Oder werden wir gar aufgefordert uns für oder gegen ein Elternteil zu positionieren?

Gehen wir wirklich unserem Berufswunsch nach oder machen wir das vielleicht Papa zu Liebe? Oder erfüllen wir unbewusst den Traum unserer Mutter, die ihren nicht leben durfte?

Oder verweigern wir uns unser Glück, weil es unseren Eltern auch nicht vergönnt war?

Was tun wir allein aus dem Grund, uns nicht schuldig fühlen zu müssen?

 

 

Verstrickungen passieren in der Regel völlig unbewusst und die Motivation ist im Grunde fast immer die bedingungslose Liebe des Kindes für seine Eltern.

 

Die Lösung ist, unseren Eltern die Verantwortung für ihr Leben und ihr Schicksal zurückzugeben. Wir können ihnen das zumuten, wir müssen ihnen das zumuten, um in unsere eigene Kraft zu kommen.

Sie sind die Großen. Und nur wenn wir ihnen ihre Gefühle, Sorgen und Nöte zumuten, können auch sie endlich daran wachsen.

Das ist nicht nur ein Akt der Liebe und des Respekts unseren Eltern gegenüber, das verlangt die oberste Spielregel eines jeden Familiensystems:

Jeder trägt sein eigenes Schicksal.

 

Wir haben nicht die Wahl, in unserem Familiensystem mitzuspielen oder nicht. Aber wir haben die Wahl, unsere Rolle darin anzunehmen und die Rolle, die Zugehörigkeit und die Lebensweise der anderen zu achten.

 

Im Verhältnis zu unseren Eltern bleiben wir immer die "Kleinen" und nur wenn wir diesen Platz akzeptieren, können wir für unsere Kinder die "Großen" sein und sie stets liebe- und verständnisvoll durch alle Situationen begleiten.

 

Sind wir in unserer Kraft und an unserem Platz im System, werden unsere Kinder sich sicher fühlen und sie werden in uns keine Gefühle der Ohnmacht mehr provozieren können. Auffälliges Verhalten ihrerseits wird dadurch überflüssig.

Und auch für unsere Eltern können wir dann eine liebevolle Unterstützung im Alter sein, deren Motivation nicht Schuldgefühle sind sondern der freiwillige Wunsch.

 

 

Werden wir trotzdem ab und an an unsere Grenzen gebracht, dürfen wir auch in dieser Situation die Großen bleiben und unseren Kindern zeigen, wie wichtig es ist, sich Fehler und eigene Grenzen einzugestehen, ohne sich selbst oder andere dafür schuldig zu sprechen.

 

Denn die perfekte Mutter oder den perfekten Vater gibt es nicht. Und dieses "Nicht perfekt sein müssen" befreit auch unsere Kinder von einem großen inneren Druck und gibt ihnen die Sicherheit ihr eigenes Leben meistern zu können und für ihre Kinder später den Platz der Großen im Familiensystem mit Leichtigkeit und Freude einnehmen zu können.

 

 

Es lohnt sich die Regeln im "Spiel des Lebens" zu verstehen und zu beherrschen! Dann macht es Spaß und gelingt.

 

 

 

Dr. Silke Tauber, systemische Familienberaterin

 

 

 

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